Darf eine Trauerrede auch von Schwächen erzählen?

"Keiner ist so schlecht wie sein Ruf - und keiner so gut wie sein Nachruf." 

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es nicht schicklich ist, etwas "Schlechtes" über eine verstorbene Person zu sagen. Dabei wissen wir alle, dass jeder einzelne von uns ausgestattet ist mit wunderbaren Talenten, Stärken und vielen liebenswerten Eigenschaften - aber auch mit Schwächen und Laste(r)n, mit denen wir das Leben unserer Liebsten zu Lebzeiten manchmal strapazieren, sie traurig machen oder verletzen. 

Es ist wie Dunkel und Hell, Yin und Yang, Schatten und Licht, beides gehört zusammen und ergibt das Ganze, ergibt eben die Realität. Ich wünsche mir von einer Trauerrede, dass sie genau von dieser Realität berichtet. 

Es ist gut und wichtig, dass eine Trauerrede von all den liebenswerten Eigenschaften erzählt, die die verstorbene Person ausgemacht haben. Sie soll Anekdoten aufleben lassen, über die man schmunzeln kann, soll schöne Erinnerungen wecken und ein warmes Gefühl hinterlassen. 

Ich wünsche mir aber gleichzeitig auch den Mut, den Menschen als Ganzes zu schildern. Als ein Mensch, der wie wir alle auch Schwächen hatte oder vielleicht mit Misserfolgen oder Bruchlandungen zu kämpfen hatte. Darüber zu berichten hat nichts damit zu tun, die geliebte Person schlecht zu machen, sondern vielmehr damit, dass ein jedes einzelne Leben auch durch Misserfolge geprägt wird. 

Und ich glaube, man fühlt sich gerade deswegen dem verstorbenen Menschen noch näher; weil man spürt, dass da gerade kein Übermensch gestorben ist, sondern "einer von uns".