Ein Selbstversuch...


Heute Vormittag habe ich mich auf den Weg gemacht zur Naturbegegnung. Kein geplanter Weg, kein Ziel vor Augen, so lautet der Auftrag – eine neue Erfahrung für mich. Das Handy bleibt zu Hause, weswegen Fotos fehlen. Auf dem Weg ohne Ziel bleibe ich nach kurzer Zeit stehen und errichte eine Schwelle aus Steinen und Ästen. Beides finde ich am Wegesrand.  
Ich überschreite diese Schwelle. Auch das gehört zur Aufgabe. Und ich lasse mich führen von einem inneren Kompass, der mir die Richtung weist. Schon bei der ersten Kreuzung will sich mein Kopf einschalten und mir aufzeigen, wo ich am besten weitergehe. Es ist nicht einfach, von jetzt auf gleich den Verstand aussen vor zu lassen. Ich laufe weiter geradeaus. Langsam immer weiter tauche ich ein in eine Welt, in der ich versuche, Gedanken vorüberziehen zu lassen und im Moment zu sein.  
 
Es riecht nach Regen, nach morschem Holz, nach Abgas der nahen Autobahn, nach Schnee, der sich tags zuvor an den Berggipfeln niedergelassen hatte. Die Landschaft ist nebelverhangen und hie und da erreicht mich ein Duft von Heizung, von verbranntem Holz. Die Stimmung erinnert mich mehr an den Herbst als an den Frühsommer – es kommen Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit, die ich in den Bergen verbracht habe. Der Herbst war schon immer meine Lieblingsjahreszeit. Herbst in den Bergen ist unvergleichlich. Seine Reinheit und Ursprünglichkeit ist mit keinem Herbst in anderen Gegenden vergleichbar. Herbst bedeutet für viele Menschen Melancholie und Traurigkeit. Für mich bedeutet er Aufatmen. Das Ende von der kräftezehrenden Sommerhitze, das Ende vom Gefühl, immer und überall dabei sein zu müssen. Herbst bedeutet kühlendes Balsam für die erhitzte und gestresste Seele der vergangenen Sommermonate, bedeutet zur Ruhe kommen können in der Dämmerung des Abends. Und wieder Atmen können in den sternenklaren Nächten, die einen daran erinnern, dass die Welt nicht am Horizont aufhört.
 
Ich gehe weiter und werde bei der nächsten Begegnung daran erinnert, dass der Herbst gerade nicht stattfindet. Kühe stehen auf der Wiese und einige unterbrechen ihre Mahlzeit, um mich kurz anzuschauen. Ich blicke in dunkle Kuhaugen. Freundlich blicken sie mich an, umrandet von schön geschwungenen Wimpern. Sie scheint glücklich. Endlich sei der Frühling da und bald könne sie noch weiter nach oben… wohin sie meinte, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass ich einem Wesen gegenüberstehe, dessen Lieblingsjahreszeit die jetzige ist und nicht der Herbst. 
 
Ich nehme Geräusche einer Baustelle wahr. Eine Brücke wird gebaut, über die Reuss, direkt zur Raststätte. Man suchte in den vergangenen Monaten nach Sponsoren und nach einem passenden Namen für die Brücke. Beides wurde gefunden. Nun entsteht diese Verbindung. Ob die Schwelle des Todes auch über eine Brücke führt? So oder so glaube ich daran, dass man diesen Übergang nicht alleine gehen muss. Dass man im Diesseits verabschiedet, und im Jenseits willkommen geheissen wird. Habe ich Angst vor dem Tod? Ich glaube, es ist weniger der Tod. Es ist mehr die Tatsache, dass ich zu früh gehen müsste. Und zu früh wäre beispielsweise jetzt. Und in den nächsten 20 Jahren. Ich denke daran, was ist, wenn das Gefühl von „zu früh“ nie aufhört. Was müsste passieren, damit ich mich „bereit“ fühlen würde für den Tod? Muss ich dafür unbedingt alt und gebrechlich werden und Schmerzen haben? Oder wäre es nicht wünschenswert, davor an diesen Punkt zu kommen, an dem es nicht mehr „zu früh“ ist? Wie macht man das? Ich will nicht in jungen Jahren sterbenskrank werden müssen, um das zu lernen. 
 
Ein Helikopter fliegt über mich hinweg. Die Rega. Das Spital befindet sich in der Nähe, er fliegt in diese Richtung. Ob jemand verletzt ist, vielleicht gerade in diesem Moment mit Leben und Tod kämpft? 
 
Es wird wieder ruhiger, ich laufe weiter, in einen Wald hinein. Ich habe kein Bedürfnis, die Bäume zu umarmen, das ist mir viel zu suspekt und überhaupt, was ist, wenn mich jemand sieht…? Nein, diesen Teil des Kopfes kann ich nicht ausschalten. Aber dafür kommt ein anderes Gefühl in mir auf: ICH fühle mich irgendwie umarmt von den Bäumen, fühle mich geschützt. Geschützt vor Regen, vor Lärm und vor Blicken. Hier kann ich mich im Gegensatz zum offenen Gelände verstecken, kann besser kontrollieren, von wem ich gesehen werden will und von wem nicht. Und wen ich sehen will, ohne dass er mich sieht. Ich ertappe mich dabei, dass mir dieses Gefühl sehr behagt. Und ich überlege, dass wir alle zwar gesehen werden möchten. Aber bitte nur so, wie wir es gerne hätten und solange wir es steuern können – aber bloss nicht so, wie wir wirklich sind. Mit Schwächen, Zweifeln und Macken. 
 
Ich habe die Zeit vergessen und weiss nicht, ob es wirklich zwei Stunden waren, die ich in der Natur verbracht habe, als ich wieder bei der Naturschwelle stehe, die ich davor errichtet hatte. Aber es spielt auch keine Rolle. Es war schön.