Letzte Worte

Man sagt, es gäbe fünf „letzte Botschaften“, die Sterbende am häufigsten in ihren letzten Lebensmomenten aussprechen: 

-          "Verzeih miär"

-          "Ich verzeihä diär"

-          "Ich ha dich gärä"

-          "Dankä"

-          "Uf Wiederlüägä"


Ich habe mich kürzlich gefragt, welche letzte Botschaft ich meinen Liebsten sagen würde, müsste ich mich für eine entscheiden. 

Und ich stelle mir vor, ich würde der Verzeihung gegenüber stehen. Ein gelebtes Leben bringt immer auch mit sich, dass man andere verletzt. So habe auch ich in meinem bisherigen Leben anderen Menschen wehgetan, habe Wege eingeschlagen, die bei anderen zu Schmerzen führten. Wenn ich über solche Momente nachdenke, fühle ich Bedauern. Ja, dann möchte ich gerne sagen können „verzeih mir“. 

Doch dann begegnet mir die Liebe. Und ich frage mich: kommt der Bitte um Vergebung nicht das Manifest der Liebe zuvor– schliesslich ist sie eines der mächtigsten Gefühle überhaupt. Mit anderen Worten: wäre es nicht viel wichtiger, den Liebsten am Ende ein letztes Mal zu sagen, dass man sie „gärä het“? 

Im nächsten Moment steht die Vergebung vor mir. Und ich denke daran, dass es auch in meinem Leben vielleicht jemanden geben könnte, der MICH um Vergebung bitten möchte. Was, wenn ich diesem Jemand mit dem letzten Satz „ich verzeihä diär“ Frieden zurückgeben könnte? Wertvoller Friede, den dieser Mensch wieder in die Welt hinaus tragen würde. 

Die Vergebung wird abgelöst und ich sehe nun die Dankbarkeit. Ich denke an das Sprichwort „Nicht die Glücklichen sind dankbar – es sind die Dankbaren, die glücklich sind“. Hat man nicht ganz vieles richtig gemacht, wenn man am Ende seines Lebens ganz einfach „Dankä“ sagen darf? 

Und dann stehe ich dem Glauben gegenüber. Und er ist es, der mich mit seiner umfassenden Kraft schliesslich zu meiner ganz eigenen Wahrheit führt. 

Ich glaube nicht, dass man ein Leben leben kann, welches auch nur eine dieser letzten Botschaften ausschliesst. Jedes Leben bedeutet die Summe jeder einzelner dieser Empfindungen, bedeutet lieben („ich ha dich gärä“), bedeutet verletzen („verzeih miär“), bedeutet leiden („Ich verzeihä diär“), bedeutet dankbar sein („Dankä“)– und bedeutet glauben („uf Wiederlüägä“). 
Letztlich bleibt wohl nur die Frage, welches dieser Gefühle zu Lebzeiten zu kurz gekommen ist – und man im letzten Atemzug vielleicht noch sagen möchte.